Martin Ott ist überzeugt: Wir wissen genug, um ökologische Krisen zu lösen. Was fehlt, ist die Beziehung zu diesem Wissen. In unserer Konferenzreihe «Bienen ohne Grenzen» zeigte der Landwirt und Autor am 8. September 2026, was Mensch und Honigbiene evolutionär verbindet, was sie trennt und was das für unseren Umgang mit Bienen bedeutet.
Nach Jahrzehnten der Forschung fehlt es nicht an Daten. Für Martin Ott liegt das Problem woanders:
«Ich bin der Meinung, dass wir genug wissen, um die Welt zu verändern oder Tiere zu verstehen. Das Problem ist: Wir wenden es nicht an, wir kommen nicht in Beziehung zu unserem Wissen.»
Wer mit einem Tier oder der Natur in eine echte Beziehung tritt, handelt anders. Er schiebt die Verantwortung nicht mehr auf den Staat oder auf die Zukunft.
Evolution wird oft entweder als Folge zufälliger Mutationen oder als fester Plan verstanden. Martin Ott stellt einen weiteren Ansatz vor: das Modell der Genetikerin Eva Jablonka aus dem Buch «Evolution in vier Dimensionen», das sie gemeinsam mit Marion J. Lamb geschrieben hat. Demnach wird Information auf vier Ebenen weitergegeben:
· Genetik: Information, die über die DNA weitergegeben wird.
· Epigenetik: Umwelt und Nahrung beeinflussen, welche Gene abgelesen werden. Im Bienenvolk entscheidet der Futtersaft, ob aus einer Larve eine Arbeiterin oder eine Königin wird.
· Verhalten: Tiere lernen voneinander und ahmen nach, etwa beim Vogelgesang oder im Bienenvolk.
· Symbole: Komplexe kulturelle Verhaltensmuster und Symbole werden weitergegeben.
«Die Evolution ist weder ein starrer Plan noch ein blinder Zufall, sondern am besten zu vergleichen mit einer Symphonie, die sich während der Aufführung in Resonanz mit dem Orchester selbst schreibt.»
Das Bienenvolk als Ganzes, «der Bien», zeigt laut Martin Ott Merkmale höher entwickelter Tiere und übertrifft sie teilweise in seiner Anpassungsfähigkeit:
· Ein Skelett, das hängt: Wir Menschen stehen mit einem inneren Knochengerüst auf dem Boden. Das Wabenwerk der Bienen ist dagegen von oben aufgehängt und nach unten flexibel. Den direkten Kontakt zum Boden meiden Bienen weitgehend.
· Wärme wie bei Warmblütern: Das Volk hält sein Brutnest präzise auf rund 36 °C. Die Wärme erzeugen die Bienen gemeinsam durch Muskelarbeit. Über die Brutwärme beeinflusst das Volk, wie lernfähig die Bienen später sind. Studien, unter anderem von Jürgen Tautz, zeigen, dass die Temperatur während der Puppenentwicklung das Verhalten der erwachsenen Bienen prägt.
· Milch aus dem Kopf: Ammenbienen bilden in Drüsen im Kopf einen Nährsaft, die «Kopfmilch», und ziehen damit die Brut auf. Die Brutpflege ist vollständig sozial organisiert, ohne individuelle Traumata oder Ego-Strukturen, wie Ott betont.
· Kein Abfall: Anders als die menschliche Zivilisation erzeugt das Bienenvolk keinen Abfall, der im Ökosystem liegen bleibt. Alle organischen Rückstände gehen zurück in den Humuskreislauf.
Wie begegnen wir Tieren? Martin Ott beschreibt dafür ein Modell aus den Sozialwissenschaften mit fünf Stufen:
1. Manipulation: Eine Seite beherrscht die andere. In der Imkerei ist das historisch häufig der Normalfall: Rauch täuscht den Bienen einen Waldbrand vor, damit das Volk seine Abwehr aufgibt.
2. Passivität: Vollständige Unterwerfung, nach dem Motto «Bitte manipuliere mich».
3. Information: Wir teilen dem Gegenüber mit, was wir vorhaben.
4. Konsultation: Wir fragen nach, nehmen die Reaktion des Gegenübers wahr und berücksichtigen sie.
5. Kooperation: Es entsteht ein gemeinsamer Raum, aus dem für beide Seiten unerwartete Entwicklungsschritte hervorgehen können.
«Wenn Geschöpfe in eine echte Kooperation treten und diesen Raum nutzen, dann entsteht ein evolutives Neuland, ein völlig neuer Kontinent zwischen den Wesen.»
In der Diskussion wurde deutlich, wie jung die Beziehung zwischen Mensch und Biene ist. Die Honigbiene ist um viele Millionen Jahre älter als der Mensch und als Nutztiere wie das Rind. Der Mensch ist in ihrem Erbgut nicht verankert. Fliegt eine Biene warnend gegen den Kopf, ist das eine ursprüngliche Abwehr gegen Feinde.
Die Imkerei bewegt sich historisch häufig auf der untersten Stufe, der Manipulation. Wer der Honigbiene als Wildtier gerecht werden will, muss die Beziehung auf höhere Stufen heben. Konsultation beginnt bei den feinen Signalen des Volkes: Warnanflüge ernst nehmen, das Flugloch beobachten, das eigene Handeln anpassen. Kooperation heisst, dem Volk Entwicklungsräume zu lassen, etwa beim Naturwabenbau oder beim Schwärmen.
Diskutiert wurde auch, ob schon jede Beobachtung ein Eingriff ist und wie der Mensch der Honigbiene wieder mehr Gestaltungsraum als Wildtier und Kooperationspartnerin zurückgeben kann.
Martin Ott ist Landwirt und Autor des Buchs «Kühe verstehen. Eine neue Partnerschaft beginnt». Die ganze Konferenz mit der anschliessenden Diskussion finden Sie auf unserem YouTube-Kanal. Fragen und Gedanken können Sie direkt unter dem Video kommentieren.

Frick 01.12.2020 – Stiftungsrat Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL). Schweiz. © Marion Nitsch/Lunax
«Bienen ohne Grenzen» findet jeden Monat online statt. Am 18. November spricht zum Beispiel Schlafexperte Günther W. Amann-Jennson über den Schlaf der Bienen.