Die neue europäische Rote Liste der Wildbienen bewertet 2’138 Arten. Denis Michez von der Universität Mons, einer der Autoren, hat die Ergebnisse in unserer Konferenzreihe «Bienen ohne Grenzen» vorgestellt. Eine gute Nachricht ist dabei: Ausgestorben ist in Europa bisher keine einzige Bienenart.
Europa beherbergt weit mehr Bienenarten, als die meisten vermuten. Die Kurve der beschriebenen Arten steigt seit 1750 fast ungebrochen und hat inzwischen die Marke von 2’100 überschritten. Jedes Jahr kommen neue dazu, teils durch echte Neuentdeckungen, teils weil genetische Methoden zeigen, dass hinter einer vermeintlichen Art in Wirklichkeit mehrere stecken.

Bei der ersten europäischen Roten Liste von 2014 liessen sich 56 Prozent der damals 1’942 bewerteten Arten keiner Gefährdungsstufe zuordnen. Es fehlten schlicht die Daten. Diese Kategorie heisst «Data Deficient» und war jahrelang das grösste Hindernis für wirksamen Schutz.
In der neuen Bewertung liegt dieser Anteil bei 14 Prozent. Dahinter stecken Jahre an Sammlungsarbeit, Museumsbestände, nationale Datenzentren und die Digitalisierung alter Belege.
67 Prozent der Arten gelten heute als nicht gefährdet. Bei 19 Prozent ist die Lage angespannt: Sie sind bedroht oder stehen kurz davor. Fast 200 Arten sind neu auf der Liste.

Betrachtet man nur die Hummeln, kippt das Bild. Hier sind 44 Prozent der Arten bedroht oder potenziell gefährdet, gegenüber 19 Prozent bei allen Bienen zusammen. Nur 53 Prozent gelten als nicht gefährdet.
Der Grund liegt in ihrer Biologie. Hummeln sind an kühle Bedingungen angepasst, dicht behaart und wärmeempfindlich. Bei Hitzewellen weichen sie nach oben und nach Norden aus. Irgendwann gibt es dort kein Ausweichen mehr.

Besonders eindrücklich wird es beim Ausblick. Selbst bei drei Vierteln der Hummelarten, die heute als nicht gefährdet gelten, schrumpft der klimatisch geeignete Lebensraum bis 2070 um rund 30 Prozent. Für die Alpen-Hummel Bombus alpinus liegt der Verlust bei bis zu 92 Prozent, für Bombus pyrrhopygus bei bis zu 96 Prozent.
Das heisst: Der heutige Gefährdungsstatus bildet die kommenden Jahrzehnte nicht ab.

Bei den Ursachen ist die Rangfolge deutlich. «Agriculture & aquaculture» betrifft mit Abstand die meisten Arten, gefolgt von Einträgen aus Land- und Forstwirtschaft, Veränderungen natürlicher Systeme, Siedlungsbau und Klimawandel.
Ehrlicher als jede Alarmmeldung ist aber die zweite Grafik auf derselben Folie: Für die Mehrheit der Arten ist der Bestandstrend unbekannt. Wir wissen inzwischen, wie gefährdet eine Art ist. Ob ihre Bestände gerade zu- oder abnehmen, wissen wir bei den wenigsten.
Auf europäischer Ebene wirkt die Lage weniger dramatisch, als sie regional ist. Die nationale Rote Liste Belgiens bewertet 381 Arten. Dort sind 11,8 Prozent bereits regional ausgestorben, 12,3 Prozent vom Aussterben bedroht. Nur 42,3 Prozent gelten als nicht gefährdet.
Eine Art kann europaweit stabil sein und in einem Land trotzdem verschwinden. Genau deshalb braucht es nationale Erhebungen zusätzlich zur europäischen Liste.

Michez wird an einer Stelle sehr konkret. Viele spezialisierte Wildbienen sind auf Korbblütler angewiesen, auf Löwenzahn, Ferkelkraut und Pippau. Diese Pflanzen gelten im Garten als Unkraut und werden weggemäht.
Wichtig ist eine Unterscheidung: Der Nektar des Löwenzahns ist für opportunistische Arten wertvoll, sein Pollen dagegen von geringer Qualität und potenziell giftig. Für die spezialisierten Arten, die von April bis August nacheinander auf Korbblütler angewiesen sind, ist er trotzdem unverzichtbar.
Dasselbe gilt in der Landschaft für Disteln. Michez nennt die Gewöhnliche Kratzdistel, die Krause Distel, die Nickende Distel und Flockenblumen als wertvoll.

Interessant für unsere eigene Arbeit ist ein Befund zu den Nistplätzen. Bodennistende Arten schneiden in der Bewertung schlechter ab als hohlraumnistende. Bei den Bodennistern sind mehr Arten regional ausgestorben oder vom Aussterben bedroht.
Für Arten, die in Hohlräumen nisten, also auch für wildlebende Honigbienenvölker in Baumhöhlen, ist das Angebot an geeigneten Strukturen der begrenzende Faktor. Genau hier setzt unsere Arbeit mit Baumhöhlen an.
Die EU hat 2018 mit der Bestäuberinitiative begonnen. Daraus entstanden ein europaweites Monitoring-System, Bestimmungskurse und Forschungsprogramme. Artikel 10 der europäischen Verordnung zur Wiederherstellung der Natur verpflichtet die Mitgliedstaaten, den Rückgang der Bestäuber bis spätestens 2030 umzukehren und danach einen steigenden Trend zu erreichen. Die Erhebungsmethode wurde im September 2025 verbindlich geregelt.
Michez ist gleichzeitig Mitautor eines Beitrags in Science, der davor warnt, dass der Omnibus-Vorschlag der EU die Pestizidrisiken wieder erhöhen würde.
Die Schweiz ist nicht Teil dieses EU-Programms. Umso mehr hängt hier vieles an eigenen Erhebungen und an Freiwilligen. Rund 180 Freiwillige dokumentieren für uns dreimal jährlich die Standorte wildlebender Honigbienenvölker. Ohne solche Daten bleibt bei uns bestehen, was die Rote Liste in Europa gerade überwunden hat: das Nichtwissen.
👉Der vollständige Vortrag von Denis Michez mit allen Grafiken und der anschliessenden Diskussion ist auf unserem YouTube-Kanal verfügbar.
Alle Grafiken: ©️ Michez, Boustani et al. (2026), Universität Mons / IUCN. Verwendung mit freundlicher Genehmigung.