Winterverluste bei Honigbienen 2025/26: 13,2 Prozent oder 32,6 Prozent? – FreeTheBees

Winterverluste bei Honigbienen 2025/26: 13,2 Prozent oder 32,6 Prozent?

Bulletin-Artikel von André Wermelinger, Geschäftsführer von FreeTheBees

13,2 Prozent, 15,9 Prozent oder 32,6 Prozent? Ein genauer Blick auf die Schweizer Winterverluststatistik zeigt, wie stark die öffentliche Wahrnehmung davon abhängt, welche Verluste gezählt – und welche weggelassen werden. Francis Saucy, Vorstandsmitglied im Dachverband apisuisse und Präsident der Société romande d’apiculture legt die methodischen Schwächen der offiziellen Kommunikation bemerkenswert transparent offen.

Seit vielen Jahren weist FreeTheBees auf die hohen Verluste in der Schweizer Imkerei hin. Als Grössenordnung haben wir immer wieder rund 20 Prozent Winterverluste genannt – ungefähr doppelt so viel wie die etwa 10 Prozent, die in Imkerkreisen häufig als normal oder akzeptabel betrachtet werden. In einzelnen Jahren waren die ausgewiesenen Verluste noch erheblich höher. Im Winter 2011/12 erreichten die damals kommunizierten Gesamtverluste in der Erhebung sogar eine Grössenordnung von rund 44 Prozent.
Nun sind in der Revue Suisse d’Apiculture zwei unmittelbar aufeinanderfolgende Beiträge erschienen, die einen genaueren Blick verdienen.

Im ersten Artikel, «Un hivernage réussi», präsentieren Sarah Grossenbacher von der Schweizerischen Bienen-Zeitung und Jean-Daniel Charrière vom Zentrum für Bienenforschung bei Agroscope die Resultate der Erhebung für den Winter 2025/26 (Link). Die zentrale Botschaft klingt erfreulich: Mit 13,2 Prozent liege die Verlustrate deutlich unter dem langfristigen Mittel von 15,9 Prozent und auf einem Niveau, das seit 2019/20 nicht mehr erreicht worden sei.

Direkt danach folgt ein Artikel von Francis Saucy mit dem Titel «Pertes hivernales: Commentaire statistique et limites d’interprétation» (Link). Und dieser Beitrag stellt einige grundlegende Fragen dazu, was diese Zahlen eigentlich bedeuten – und was sich aus ihnen wissenschaftlich überhaupt ableiten lässt.

Aus 13,2 Prozent werden plötzlich 32,6 Prozent

Beginnen wir mit der wichtigsten Frage: Was ist überhaupt ein Winterverlust?

Der erste Artikel bezeichnet die 13,2 Prozent der zwischen dem 1. Oktober und dem 1. April verlorenen eingewinterten Völker als die «realen Verluste». Diese Zahl steht entsprechend prominent im Zentrum der Berichterstattung.
Doch damit ist nur ein Teil des Geschehens erfasst.

Bereits vor dem 1. Oktober gingen weitere 7,4 Prozent der Völker verloren: Sie starben, wurden aufgelöst oder mit anderen Völkern vereinigt. Und von den Völkern, die den Winter formal überlebten, waren im Frühjahr nochmals rund 12 Prozent so schwach, dass sie nicht als produktive Völker weitergeführt werden konnten. 
Saucy rechnet deshalb vor:
7,4 % + 13,2 % + 12,0 % = 32,6 %. 

Mit anderen Worten: Während als erfreuliche Kernzahl 13,2 Prozent kommuniziert werden, beträgt die Summe der erfassten Verluste und nicht mehr vitalen Völker über denselben saisonalen Zusammenhang 32,6 Prozent. Streng genommen beziehen sich diese drei Werte nicht auf exakt dieselbe Ausgangsmenge. Saucy macht den Punkt an anderer Stelle deshalb noch griffiger: Um im Frühjahr 2026 zehn vitale Völker zu haben, mussten mehr als dreizehn eingewintert werden.
Das ist keine nebensächliche statistische Spitzfindigkeit. Es verändert die Wahrnehmung der Situation fundamental.

Wann beginnt ein Winter? Der 1. Oktober ist eine administrative Grenze

Noch problematischer wird es beim Vergleich über die Jahre.
Saucy weist darauf hin, dass die Resultate der Erhebung seit ihrer Einführung 2005 bis 2022 als Gesamtverluste kommuniziert wurden. Ab 2023 änderte sich die Darstellung: Die Verluste zwischen dem 1. Oktober und dem 1. April wurden als «pertes réelles» – reale Verluste – bezeichnet und hauptsächlich diese Zahl kommuniziert.
Warum gerade 1. Oktober und 1. April?

Saucy weist zu Recht darauf hin, dass diese Daten nicht der biologischen Entwicklung eines Bienenvolkes entsprechen. Je nach Jahr, Höhenlage und Witterung kann sich die Phänologie erheblich verschieben. Ein Volk, das beispielsweise im September zusammenbricht, verschwindet dadurch biologisch nicht weniger real als eines, das am 5. Oktober stirbt.

Die administrative Grenze verändert also nicht die Realität des Bienenvolkes – wohl aber die Statistik, in der sein Verlust erscheint.
Und genau hier muss man bei der offiziellen Kommunikation sehr aufmerksam werden.

Ein «erfolgreicher Winter» – Kommt darauf an, welche Zahl man nimmt

Der Titel des ersten Artikels lautet «Un hivernage réussi» – «Eine erfolgreiche Überwinterung». Die Begründung dafür liefert die Zahl von 13,2 Prozent gegenüber dem langfristigen Mittel von 15,9 Prozent.
Mathematisch ist diese Aussage innerhalb der gewählten Kategorie nachvollziehbar.
Sie vermittelt aber nur einen Ausschnitt.
Denn gleichzeitig dokumentiert dieselbe Erhebung, dass unter Einbezug der Verluste vor der Einwinterung und der nach dem Winter nicht mehr vitalen Völker 32,6 Prozent betroffen waren.
Man kann also aus demselben Datensatz zwei sehr unterschiedliche Geschichten erzählen:

13,2 Prozent: erfreulich niedrige «reale Winterverluste».
32,6 Prozent: fast ein Drittel Verluste beziehungsweise nicht mehr vitale Völker im erweiterten Überwinterungsgeschehen.
Beide Zahlen stammen aus derselben Erhebung.

Deshalb ist nicht nur entscheidend, ob eine Zahl rechnerisch korrekt ist. Entscheidend ist ebenso, welche Zahl ausgewählt, wie sie bezeichnet und in welchen Kontext sie gestellt wird.
Von einem bewussten Manipulationswillen lässt sich aus den vorliegenden Artikeln nicht sprechen. Dafür liefern sie keinen Beleg. Sehr wohl lässt sich aber feststellen, dass Definition, Auswahl und kommunikative Gewichtung der Zahlen die Wahrnehmung der Situation massiv beeinflussen.

Gerade von offiziellen Forschungs- und Brancheninstitutionen erwarten wir deshalb, dass nicht nur korrekte Zahlen veröffentlicht werden, sondern dass deren Definitionen, Grenzen und Veränderungen über die Zeit so transparent dargestellt werden, dass Leserinnen und Leser nicht zu falschen Schlussfolgerungen gelangen.

Das Extremjahr 2011/12: 23 oder 44 Prozent Verluste?

Wie gross dieser Unterschied werden kann, zeigt der Winter 2011/12.
In der im Saucy-Artikel wiedergegebenen Darstellung der gesamten Winterverluste 2009–2026 erreicht 2011/12 einen Gesamtwert von ungefähr 44 Prozent. Die Grafik unterscheidet Verluste vor der Einwinterung, Verluste während der Überwinterung und im Frühjahr nicht vitale Völker.

Im Artikel von Grossenbacher und Charrière findet sich dagegen eine Grafik über die «pertes réelles», also die enger definierten realen Verluste. Die reine Wintersterblichkeit lag 2011/12 nach Saucys Grafik bei rund 23 Prozent, der Gesamtwert bei rund 44 Prozent.

Dasselbe Jahr kann dem Leser also – je nach Definition – mit rund 23 Prozent oder rund 44 Prozent begegnen.

Damit müssen auch wir bei FreeTheBees unsere bisherige Kommunikation präzisieren. Wenn wir davon gesprochen haben, dass im Extremwinter 2011/12 «fast die Hälfte» der Völker verloren ging, bezieht sich dies auf die damals betrachteten Gesamtverluste, nicht auf die heute als «reale Verluste» bezeichnete reine Mortalität zwischen 1. Oktober und 1. April.
Diese Unterscheidung wollen wir künftig deutlicher machen.

Nur 6 bis 7 Prozent der Imker antworten

Francis Saucy geht noch weiter.
Seit fast 20 Jahren werden Imkerinnen und Imker eingeladen, freiwillig an diesen Erhebungen teilzunehmen. Für die aktuelle Erhebung waren es laut dem ersten Artikel 1’214 Imkerinnen und Imker mit insgesamt 1’419 Bienenständen und 16’689 eingewinterten Völkern.
Das klingt zunächst nach einer beeindruckenden Datenbasis.
Eine grosse Stichprobe ist aber nicht automatisch eine repräsentative Stichprobe.

Genau darauf weist Saucy hin. Die Teilnehmer werden nicht zufällig aus der gesamten Schweizer Imkerschaft ausgewählt. Sie nehmen freiwillig teil. Bei 16’000 bis 20’000 Imkern in der Schweiz entspricht das einem Rücklauf von 6 bis 7 Prozent. Damit handelt es sich statistisch nicht um eine Zufallsstichprobe, sondern um eine selbstselektierte Gruppe.
Das kann erhebliche Konsequenzen haben.

Vielleicht beteiligen sich besonders engagierte und gut ausgebildete Imker häufiger. Vielleicht befolgen diese Behandlungsempfehlungen konsequenter und haben deshalb geringere Verluste. Dann wären die tatsächlichen Verluste der gesamten Schweizer Imkerschaft höher als die Erhebung vermuten lässt.
Es könnte theoretisch aber auch der umgekehrte Effekt auftreten.
Und genau darin liegt Saucys wissenschaftlich entscheidender Punkt:
Wir wissen es nicht.

Die Erhebung erlaubt nach seiner Argumentation keine belastbare Hochrechnung auf sämtliche Schweizer Imker und Bienenvölker. Ebenso fehlt eine statistisch sauber bestimmte Fehlermarge, mit der beurteilt werden könnte, ob Unterschiede zwischen zwei Jahren tatsächlich eine Veränderung darstellen oder lediglich zufällige Schwankungen der jeweiligen Teilnehmergruppe sind.

Der Widerspruch kommt aus der Branche selbst

Unsere Leserinnen und Leser wissen, dass FreeTheBees und Francis Saucy in verschiedenen grundlegenden Fragen zur Honigbiene keineswegs dieselben Positionen vertreten. Saucy hat FreeTheBees und unsere Positionen in der Vergangenheit auch deutlich kritisiert.
Das soll hier aber keine Rolle spielen.
Denn wissenschaftliche Argumente werden nicht dadurch richtig oder falsch, wer sie äussert.
Und in diesem Artikel leistet Saucy etwas, das FreeTheBees seit jeher einfordert: Transparenzbildung.

Er benennt die methodischen Grenzen einer etablierten Erhebung, erklärt sie auch für Nichtstatistiker verständlich und beschränkt sich nicht auf Kritik. Unter anderem schlägt er vor, künftig Fehlermargen auszuweisen, eine echte Zufallsstichprobe auf Basis einer nationalen Datengrundlage zu ziehen und längerfristig eine offizielle nationale Statistik durch eine fachlich zuständige Institution aufzubauen.
Das begrüssen wir ausdrücklich.

Gerade wenn Kritik aus einer Richtung kommt, mit der man sonst nicht übereinstimmt, zeigt sich, wie ernst man den eigenen Anspruch auf wissenschaftliche Offenheit nimmt.

Was sich aus den Zahlen wirklich ableiten lässt

Nach der Lektüre beider Artikel bleiben aus unserer Sicht einige robuste Feststellungen.
Die Erhebung zeigt zunächst, dass erhebliche Verluste stattfinden. Darüber besteht kein Zweifel. Selbst nach der heute enger verwendeten Definition der «realen» Winterverluste beträgt der langfristig angegebene Mittelwert 15,9 Prozent. Für 2025/26 wurden 13,2 Prozent ermittelt.

Zweitens sind die gesamten Probleme während der Überwinterungsperiode deutlich grösser, wenn man nicht nur zwischen Oktober und April gestorbene beziehungsweise verschwundene Völker betrachtet. Für 2025/26 ergeben die von Saucy zusammengezählten Kategorien 32,6 Prozent.

Drittens zeigt die Zeitreihe massive Schwankungen. 2011/12 lagen die in der damaligen umfassenderen Betrachtung ausgewiesenen Gesamtverluste bei ungefähr 44 Prozent.

Was wir dagegen nicht seriös behaupten können, ist, dass beispielsweise exakt 15,9 oder 32,6 Prozent aller Schweizer Honigbienenvölker betroffen seien. Dafür fehlt der Erhebung nach Saucys Analyse die repräsentative Zufallsstichprobe.
Ebenso wenig lässt sich ohne ausgewiesene statistische Unsicherheit aus einigen Prozentpunkten Unterschied automatisch ableiten, dass sich die Situation in der Schweiz tatsächlich verbessert oder verschlechtert habe.

Was bedeutet das für die bisherige Aussage von FreeTheBees?

Unsere langjährige Aussage, dass die Verluste eher in einer Grössenordnung von 20 Prozent als bei den häufig als normal betrachteten 10 Prozent liegen, war als Orientierung durchaus nachvollziehbar. Die heute vorliegenden Informationen erlauben aber eine präzisere Aussage.

Wir wollen künftig unterscheiden:
Die eigentliche Wintermortalität der an der Erhebung beteiligten Imkereien liegt im langfristigen Mittel laut publizierten Daten bei rund 16 Prozent. Betrachtet man dagegen das gesamte Verlustgeschehen rund um die Überwinterung – also auch Verluste vor der Einwinterung und Völker, die den Winter zwar formal überleben, danach aber nicht mehr vital sind –, können die Werte wesentlich höher liegen. 2025/26 waren es 32,6 Prozent; im Extremwinter 2011/12 lag der entsprechende Gesamtwert bei ungefähr 44 Prozent. Wird das aussergewöhnliche Rekordjahr 2011/12 ausgeklammert, zeigt sich ein anderes Bild: Die umfassend betrachteten Gesamtverluste liegen seit 2016/17 im Mittel deutlich höher als in den Jahren davor.
Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieser Debatte.

Angesichts der ökologischen und wirtschaftlichen Bedeutung der Honigbiene sollte die Frage nicht lauten, wie man eine möglichst erfreuliche Zahl kommuniziert. Die Frage sollte lauten:

Warum verfügt die Schweiz nach zwei Jahrzehnten Erhebung noch immer nicht über eine Statistik, mit der sich die Entwicklung der Honigbienenvölker repräsentativ und mit ausgewiesener statistischer Sicherheit beurteilen lässt?

Gestellt ist diese Frage längst, auch im Parlament. Die Motion «Sicherung der Insektenbestäubung, insbesondere durch Wild- und Honigbienen» verlangt ausdrücklich ein «Monitoring von Honigbienen (Bestände, Sterblichkeit)». Beide Räte haben sie angenommen, im Juni 2024 ging der Auftrag an den Bundesrat. Eine repräsentative Statistik gibt es bis heute nicht.

Saucy fordert aus statistischer Sicht dasselbe: eine offizielle nationale Statistik, erstellt von einer fachlich zuständigen Institution wie dem Bundesamt für Statistik. Dass diese Forderung nun von einem Verbandspräsidenten kommt, der FreeTheBees sonst kritisiert, macht sie nur dringender.

Quellen:

  • Revue Suisse d’Apiculture Nr. 8/2026 – Link
  • Grossenbacher/Charrière S. 256–258, Saucy S. 259–261. – Link

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