Zeidlerei – FreeTheBees

Zeidlerei – Die Rückkehr der Bienenhabitate in den Wald

Die Zeidlerei ist eine jahrhundertealte Form der Waldimkerei – und gleichzeitig eine der ursprünglichsten Arten, Honigbienen zu halten. Im Mittelalter wurden gezielt Baumhabitate für Honigbienen geschaffen, lange bevor es moderne Bienenkästen gab.

FreeTheBees hat dieses traditionelle Handwerk 2014 wieder aufgegriffen und in die heutige Zeit überführt – als Brücke zwischen historischer Praxis, Naturschutz und einer artgerechten Bienenhaltung.

Was ist die Zeidlerei?

Die Zeidlerei bezeichnet die Haltung von Honigbienen in künstlich geschaffenen Baumhöhlen in lebenden Bäumen.

Zeidler erstellt ein Bienenhabitat in einem Baum

Zeidlermeister Andrzej Pazura betreut ein Bienenvolk in einem Zeidlerbaum.

Während bereits Steinzeitvölker – ebenso wie heutige Naturvölker – Honig wilder Bienen sammelten, war die Zeidlerei im Mittelalter ein eigenständiger Berufszweig. Der Zeidler (oder Zeitler) sammelte Honig von wilden, halbwilden oder teildomestizierten Bienenvölkern im Wald – nicht aus gezimmerten Kästen oder geflochtenen Körben wie der spätere Imker.

Stattdessen wurden:
• alte, starke Bäume ausgewählt
• in etwa sechs Metern Höhe Höhlen in den Stamm gehauen
• der Eingang mit einem Brett versehen
• ein Flugloch eingebracht

Ob eine solche «Beute» besiedelt wurde, hing vollständig vom natürlichen Umfeld ab – und wechselte von Jahr zu Jahr. Um Windbruch zu verhindern, wurden die Bäume oft entwipfelt.

Der traditionelle Zeidlerbaum

Traditionelle Zeidlerbäume waren alte, starke Bäume. Im Ural werden bis heute Kiefern genutzt, die oft bereits 130 bis 200 Jahre alt sind. Erst wenn der Baum genügend Durchmesser erreicht hat, wird die Beute geschlagen. Dadurch wird sichtbar, wie langfristig Zeidlerei gedacht war: Sie verband Bienenhaltung, Waldnutzung und Generationenverantwortung.

WOHER STAMMT DER BEGRIFF «ZEIDLEREI»?

Das Wort geht auf das lateinische excidere («herausschneiden») zurück und entwickelte sich über das altdeutsche «zeideln» – «Honig schneiden».

Geschnitten wurde deshalb, weil bei der Ernte die gesamte Honigwabe entnommen wurde. Anders als heute stand der Fortbestand des Volkes nicht im Zentrum. Honig und Wachs konnten unmittelbar weiterverarbeitet werden.

Die traditionelle Nutzung von Honig und Wachs

Im zuckerlosen und “dunklen” Mittelalter waren Honig und Wachs von grosser wirtschaftlicher Bedeutung. Honig war das wichtigste Süssmittel. Wachs wurde besonders von Kirchen und Klöstern für Kerzen benötigt und fand auch als Siegelwachs breite Verwendung. Mit der Entdeckung Amerikas, der Verfügbarkeit von Rohrzucker und später der Zuckerrübe verlor die Zeidlerei zunehmend an wirtschaftlicher Bedeutung.

VERBREITUNG IM MITTELALTER

Für die Zeidlerei waren vielfältig strukturierte Wälder mit alten Bäumen entscheidend. Ideal waren Mischwälder mit Lichtungen und Feuchtgebieten. Dort fanden Honigbienen geeignete Baumhöhlen und über das Jahr verteilt ein reiches Angebot an honigtragenden Blütenpflanzen, Sträuchern und Bäumen – die eigentliche «Zeidlerweide».

Bedeutende Zentren lagen unter anderem im:
• Fichtelgebirge
• Nürnberger Reichswald
• Gebiet des heutigen Berlins (insbesondere im damaligen Grunewald)
• In Bayern ist Waldbienenhaltung bereits für das Jahr 959 in der Gegend von Grabenstätt belegt.

Der Zeidler stand nicht nur mit seinen Bienen, sondern mit dem gesamten Waldökosystem in enger Verbindung. Eine besondere Rolle spielte die Linde: Sie war wichtige Trachtpflanze und lieferte zugleich Material für Werkzeuge. Aus Lindenbast wurden Kletterseile geflochten; aus Lindenholz entstanden Messer zum Honigbrechen und Gefässe für die Waben.

Der Nürnberger Reichswald galt als «Des Heiligen Römischen Reiches Bienengarten». Der dort gewonnene Honig war unter anderem Grundlage der berühmten Nürnberger Lebkuchenproduktion. Noch heute zeugen Bauwerke wie das Zeidlerschloss in Feucht von dieser Tradition.

DER NIEDERGANG DER ZEIDLEREI

Der Rückgang setzte schleichend von West nach Ost ein. Ein entscheidender Faktor war die Einfuhr von Rohrzucker. Zwar blieb dieser bis ins 17. Jahrhundert teuer und einer wohlhabenden Schicht vorbehalten, doch mit dem Anbau von Zuckerrüben im 19. Jahrhundert veränderte sich die wirtschaftliche Situation grundlegend.

In Regionen wie der Lausitz, dem Baltikum und Russland hielt sich die Waldimkerei noch bis ins 19. Jahrhundert als ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor. Heute ist sie in Mitteleuropa wirtschaftlich bedeutungslos.

Im Naturschutzkontext gibt es jedoch punktuelle Versuche, Bienenvölker im Wald anzusiedeln und die Zeidlerei wiederzubeleben.

DIE LEBENDIGE TRADITION IM URAL

Interessanterweise ist die Zeidlerei im Shulgan Tash Nature Reserve im südlichen Ural bis heute erhalten geblieben.

Dort wurde die Technik unter den Baschkiren vom Mittelalter bis in die Gegenwart von Generation zu Generation weitergegeben.

Im Rahmen eines vom Schweizerischen DEZA finanzierten WWF-Projektes kamen Dr. Hartmut Jungius und Dr. Przemysław (Przemek) Nawrocki mit dieser lebendigen Tradition in Kontakt. Sie beschlossen, das Handwerk nach Polen zurückzubringen. In Zentralpolen entstanden daraufhin über 150 Zeidlerhöhlen in lebenden Bäumen sowie zahlreiche Klotzbeuten.

Die Erfahrungen aus Polen zeigen, dass Zeidlerei heute mehr ist als Brauchtumspflege. Sie schafft künstliche Baumhöhlen, fördert höhlenbewohnende Artengemeinschaften und macht die Honigbiene wieder als Waldtier erfahrbar. In Polen und im Ural ist jeweils nur ein Teil der Beuten von Honigbienen besetzt; unbesetzte Höhlen können von anderen Arten genutzt werden.

Polnische Nationalparks sind heute stolz auf diese Wiederbelebung. Dr. Przemysław Nawrocki – Mitglied des wissenschaftlichen Beirates von FreeTheBees – führt eine Statistik über einen Teil der betriebenen Zeidlerhöhlen.

Traditionelle Zeidlerwerkzeuge
Gesammelte Bienenwaben

DIE WIEDEREINFÜHRUNG DER ZEIDLEREI DURCH FREETHEBEES

FreeTheBees begann 2014, die Zeidlerei in der Schweiz wieder einzuführen. Mit einem international besuchten Zeidlerkurs wurden in Kriens (LU) die ersten Zeidlerbäume geschlagen und angehende Zeidlermeister ausgebildet.

Seither fanden zahlreiche Kurse statt in der Schweiz, Deutschland, Belgien, England und weiteren europäischen Ländern.

Die Zeidlerbewegung wächst stetig und begeistert naturbewusst denkende Imker weit über Europa hinaus – bis nach Kalifornien.

FreeTheBees hat die Tradition von Polen zurück in die Schweiz gebracht und von hier aus weiterverbreitet. Dabei:
• bewahren wir die Überlieferung möglichst originalgetreu
• experimentieren mit der Methodik
• entwickeln sie weiter
• passen sie an heutige Rahmenbedingungen an

Moderne Zeidlerhöhlen orientieren sich zunehmend am Vorbild natürlicher Baumhöhlen. Ziel ist es, Lebensraum nicht nur für Honigbienen, sondern für ganze Artengemeinschaften zu schaffen.

FreeTheBees erstellt eine Zeidler Baumhöhle
FreeTheBees Zeidlerkurs 2021 in Vaulruz

Baumpfleger Benedikt Arnold zeigt, wie FreeTheBees künstliche Baumhöhlen schafft: lebenswichtige Rückzugsorte für wildlebende Honigbienen und viele weitere Tierarten, die in unseren Schweizer Wäldern dringend benötigt werden.

Benedikt Arnold übt die traditionelle Lezivo-Klettertechnik an einer Kiefer-Zeidlerhöhle in Polen. Ein mittelalterliches Handwerk, das FreeTheBees seit 2014 von Polen zurück in die Schweiz bringt.

FreeTheBees führt regelmässig international besuchte Zeidlerkurse in der Schweiz und im Ausland durch.

ZU UNSEREN ZEIDLERKURSEN

NUTZEN DER ZEIDLEREI IN DER HEUTIGEN ZEIT

Die Zeidlerei ist die natürlichste Form der Bienenhaltung. Gerade heute ist sie wichtiger denn je.

Schärfung des Bewusstseins

Zeidlerei wirkt als Spiegel der eigenen Imkerpraxis:

  • wie Honigbienen im natürlichen Habitat leben
  • wie stark Wirtschaftsvölker durch das Aufsetzen von Honigräumen beeinflusst werden (Ertragssteigernde Methode)
  • wie intensiv die Kontroll- und Behandlungseingriffe tatsächlich sind

Schaffung dringend benötigter Baumhöhlen

Baumhöhlen sind bedingt durch die ertragsorientierte Waldwirtschaft selten geworden. Sie stellen einen wichtigen Lebensraum dar für:

  • Honigbienen
  • Vögel
  • Fledermäuse
  • zahlreiche weitere höhlenbewohnende Arten und Artengemeinschaften
  • unzählige symbiotisch lebende Organismen

Vorteile für das Bienenvolk

Eine Zeidlerhöhle bietet der Honigbiene erhebliche Vorteile gegenüber dem konventionellen Bienenkasten:

  • Deutlich bessere Isolation: Die dickwandige Baumhöhle senkt den Stoffwechselumsatz des Volkes über das ganze Jahr hinweg drastisch. Das führt zu einem geringeren Bedarf an Honigvorrat für den Winter
  • Keimarme Zone im Bereich der sensiblen Bienenbrut: In der Zeidlerhöhle stellt sich ein besonderes Mikroklima ein – die sogenannte Nestduftwärmebindung (J. Thür, 1946). Die Nestduftwärmebindung wirkt als intelligenter Abwehrmechanismus gegen Krankheiten.

Fachübergreifende Zusammenarbeit

Die Zeidlerei ermöglicht Kooperationen mit Organisationen aus:

  • Vogelschutz
  • Fledermausschutz
  • Waldökologie
  • Biodiversitätsförderung

Sie verbindet Naturschutz, Kulturgeschichte und Bienenhaltung.

DIE ZEIDLEREI ALS ZUKUNFTSMODELL

Die Zeidlerei ist kein nostalgisches Hobby. Sie ist:
• Kulturerbe
• Forschungsfeld
• Bildungsinstrument
• Biodiversitätsprojekt
• Impulsgeber für eine artgerechte Bienenhaltung

Sie bringt die Honigbiene zurück in ihr ursprüngliches Habitat – den Wald.

Besuchen Sie einen unserer Zeidlerkurse – die Arbeit am lebenden Baum fasziniert – fachlich wie emotional. Die Kurse stehen allen Interessierten offen: Imker, Naturfreunde, Förster, Waldbesitzer, Wildhüter.

FreeTheBees erstellt eine Zeidler Baumhöhle
FreeTheBees Zeidlerkurs 2021 in Vaulruz
Süsse Biene im Comicstil in einer Baumhöhle mit Honigwaben

WEITERFÜHRENDE LINKS

Artikel von Dr. Hartmut Jungius, Wissenschaftlicher Beirat FreeTheBees: Zeidlerei – Waldbienenzucht

Impressionen von einem FreeTheBees Zeidlerkurs: UBS Helpetica hilft FreeTheBees beim Baumhöhlenprojekt

Zeidlerei als UNESCO-Weltkulturerbe verankert: https://ich.unesco.org/en/RL/tree-beekeeping-culture-01573

Die Waldimker des Urals: ARTE Dokumentation, die Bienenflüsterer, Waldimker des Urals

Zeidleraktivitäten in Polen

Eric Tourneret, Bee Photographer: Honey Bees of the cold in Russia

Durch FreeTheBees initiierte Zeidleraktivitäten in Zentraleuropa

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