Artikel von André Wermelinger, Geschäftsleiter FreeTheBees
In der Schweizerischen BienenZeitung 09/2026 plädiert Fabian Trüb vom Bienengesundheitsdienst dafür, dass Imkerinnen und Imker ihre Völker konsequenter auslesen. Er nennt elf Selektionskriterien, rehabilitiert die Propolisierung und bezeichnet Schwarmneigung als Zeichen von Vitalität.
André Wermelinger, Geschäftsleiter von FreeTheBees, teilt den Ausgangspunkt und kommt zu einer anderen Schlussfolgerung. Seine Antwort im Wortlaut.
Lieber Fabian Trüb
Dein Beitrag «Gesunde Bienen durch konsequente Auslese» hat mich gefreut. Nicht, weil ich alle Schlussfolgerungen teile. Sondern weil darin einige Erkenntnisse ausgesprochen werden, die für eine zukunftsfähige Imkerei von grundlegender Bedeutung sind.
Du beschreibst, wie natürlich selektierte Bienen aus wildlebenden Beständen unsere Völker über Jahrzehnte mitgeprägt haben. Du sprichst von wildlebenden Völkern. Du stellst fest, dass die Imkerei durch ihr Handeln die genetische Entwicklung ihrer Bienen beeinflusst und dass die konsequente Weitervermehrung schwacher Völker problematisch ist. Du rehabilitierst die Propolisierung als Teil des sozialen Immunsystems. Und du hältst fest, dass Schwarmneigung durchaus ein Zeichen von Gesundheit und Vitalität sein kann.
Das alles sind wichtige Schritte.
Gerade deshalb lohnt es sich, die Argumentation noch etwas weiterzuführen.
Die zentrale Frage ist für mich nicht, ob wir selektieren sollen. Selektion findet ohnehin statt. Entscheidend ist vielmehr: Wer selektiert, unter welchen Bedingungen, nach welchen Kriterien – und mit welchem Ziel?
In Deinem Beitrag geschieht Selektion fast ausschliesslich innerhalb des bestehenden imkerlichen Haltungssystems. Wir beurteilen Völker, wählen vermeintlich gute Eigenschaften aus, vermehren entsprechendes «Zuchtmaterial», bilden Jungvölker, ziehen Königinnen nach und ersetzen Königinnen schlechter bewerteter Völker.
Das ist zweifellos Selektion. Aber es ist züchterische Selektion nach menschlich definierten Kriterien.
Natürliche Selektion funktioniert anders.
Ein wildlebendes Bienenvolk muss aus eigener Kraft überwintern, sich entwickeln, genügend Vorräte anlegen, Krankheiten und Parasiten bewältigen, den richtigen Zeitpunkt zur Fortpflanzung finden, erfolgreich schwärmen, einen geeigneten neuen Lebensraum besiedeln, sich dort etablieren und wiederum fortpflanzungsfähig werden.
Jeder einzelne dieser Schritte ist Teil des Selektionsprozesses.
Wenn wir Königinnen zusetzen, Ableger bilden, Brutwaben verschieben, Völker vereinigen, künstlich vermehren oder schwache Völker über gezielte Eingriffe am Leben erhalten, überspringen wir einen Teil dieser Selektionshürden. Wir können deshalb nicht selbstverständlich davon ausgehen, mit gezielter Nachzucht dasselbe zu erreichen wie mit natürlicher Selektion.
Noch etwas kommt hinzu: Wir beurteilen die Biene innerhalb eines Haltungssystems, das ihren Phänotyp und ihr Verhalten selbst erheblich beeinflusst.
Das Aufsetzen von Honigräumen verändert beispielsweise das verfügbare Volumen eines Volkes fundamental. Es beeinflusst Vorratshaltung, Volksentwicklung und Schwarmdynamik. Ablegerbildung ersetzt natürliche Reproduktion durch einen imkerlichen Eingriff. Königinnenzucht trennt Fortpflanzung und Selektion teilweise vom Gesamtorganismus Bienenvolk.
Was messen wir also tatsächlich, wenn wir unter diesen Bedingungen Volksstärke, Schwarmneigung oder Honigertrag beurteilen?
Messen wir die biologische Fitness eines Bienenvolkes – oder seine Leistungsfähigkeit innerhalb einer bestimmten Betriebsweise?
Diese Unterscheidung scheint mir zentral.
Du erwähnst selbst ein schönes Beispiel: Stechlust kann in der Natur durchaus einen Vorteil darstellen, ist für die Imkerei aber unerwünscht. Gleichzeitig führst Du Sanftmut als Selektionskriterium auf.
Das ist nicht grundsätzlich falsch. Natürlich darf ein Imker sanfte Bienen wünschen.
Wir sollten dann aber ehrlich benennen, was wir tun: Wir selektieren ein Nutztier auf menschliche Anforderungen. Daraus darf nicht automatisch der Schluss gezogen werden, dass dieselben Eigenschaften auch unter natürlichen Bedingungen optimale Überlebensfähigkeit erzeugen.
Besonders wertvoll finde ich Deine Aussagen zur Propolisierung.
Lange wurde imkerlich auf möglichst geringe Propolisierung selektiert, weil Propolis die Arbeit erschwert. Heute wissen wir deutlich besser um seine Bedeutung für das soziale Immunsystem des Bienenvolkes.
Das ist mehr als eine interessante Einzelbeobachtung.
Es zeigt exemplarisch, dass ein aus Sicht des Menschen unerwünschtes Merkmal aus Sicht des Bienenvolkes hochfunktional sein kann.
Dasselbe könnte für weitere Eigenschaften gelten, die wir über Jahrzehnte züchterisch beeinflusst haben.
Auch die positive Bewertung des Schwarmtriebes führt in diese Richtung. Schwärmen ist nicht einfach eine lästige Begleiterscheinung der Bienenhaltung. Es ist die natürliche Fortpflanzung des Superorganismus Bienenvolk – mit zahlreichen damit verbundenen biologischen Prozessen, unter anderem einer Brutunterbrechung.
Wenn wir Schwärmen einerseits als Vitalitätsmerkmal anerkennen, andererseits aber durch Betriebsweise und künstliche Vermehrung weitgehend kontrollieren oder ersetzen, sollten wir uns zumindest fragen, welche Selektionswirkungen wir damit ausschalten.
Dein Beitrag argumentiert stark über Genom, Königinnen, Drohnen und Erbgut. Das ist verständlich, greift aber meines Erachtens zu kurz.
Die Anpassungsfähigkeit eines Bienenvolkes lässt sich nicht allein mit klassischer Genetik erklären. Phänotyp und Gesundheit entstehen aus dem Zusammenspiel von Genetik, epigenetischen Prozessen, Ernährung, Mikroorganismen, Umweltbedingungen, sozialer Organisation und Entwicklungsdynamik.
Gerade bei einem Superorganismus wie dem Bienenvolk sollten wir deshalb vorsichtig sein, Anpassung primär auf die Vermehrung vermeintlich «guten Erbgutes» zu reduzieren.
Die vielleicht wichtigere Frage lautet:
Unter welchen Bedingungen kann ein Bienenvolk seine vorhandene Anpassungsfähigkeit überhaupt entfalten?
Und was wissen wir wirklich über die wildlebende Honigbiene? Du schreibst sinngemäss, dass vor Ankunft der Varroa wildlebende, unbewirtschaftete Völker in den Wäldern lebten und die Varroa deren Situation grundsätzlich verändert habe.
Hier wäre ich vorsichtig.
Wir verfügen meines Wissens über keine belastbaren historischen Bestandsdaten, die uns erlauben würden, die damalige wildlebende Population der Schweiz seriös zu quantifizieren oder ihren Rückgang eindeutig der Varroamilbe zuzuschreiben. Ebenso wenig erscheint es angesichts der vielfach belegten Anpassungsfähigkeit der Honigbiene und heute existierender unbehandelt überlebender Populationen plausibel, das weitgehende Verschwinden wildlebender Völker monokausal mit der Ankunft der Varroa zu erklären.
Gleichzeitig erwähnst Du selbst unbehandelt überlebende Populationen und das Beispiel West Wales.
Wenn wir die Anpassungsfähigkeit der Honigbiene anerkennen, sollten genau solche Populationen unser besonderes wissenschaftliches Interesse wecken.
Warum überleben sie? Welche Rolle spielen natürliche Brutunterbrüche, Schwärmen, Nestvolumen, Mikroklima, Nahrungssituation, Populationsstruktur und natürliche Selektion?
Und weshalb betrachten wir die freilebende Honigbiene nicht viel systematischer als Referenz für diese Fragestellungen?
Ich teile Deine Überzeugung, dass die Imkerschaft selbst wieder stärker selektieren muss.
Nur: Einzelne Züchter können keine resiliente Gesamtpopulation schaffen, wenn die breite Imkerschaft weiterhin nach völlig unterschiedlichen Kriterien vermehrt und Völker unabhängig von ihrer natürlichen Fitness erhält.
Flächendeckende Wirkung entsteht erst, wenn sehr viele Imker nach nachvollziehbaren gemeinsamen Prinzipien arbeiten.
Dafür braucht es meines Erachtens mehr als «Geduld und Zusammenarbeit».
Es braucht ein fachliches und strategisches Konzept:
Du lieferst für den einzelnen Stand ja bereits Konkretes: elf Selektionskriterien, ein Drittel-Schema, eine nachvollziehbare Methodik. Genau daran zeigt sich aber die Lücke. Was auf einem Stand funktioniert, erzeugt noch keine resiliente Population – dafür bräuchte es gemeinsame Kriterien über die Stände hinweg.
Erst dann bekommt Zusammenarbeit eine Richtung.
Gerade angesichts Varroa und weiterer möglicher Parasiten und Schädlinge sollten wir diese Diskussion jetzt führen. Nicht mit dem Ziel, sämtliche Eingriffe von heute auf morgen einzustellen. Sondern mit dem Ziel, eine Imkerei zu entwickeln, welche die Anpassungsfähigkeit der Honigbiene nicht länger möglichst vollständig ersetzt, sondern wieder gezielt zulässt und nutzt.
Dein Artikel öffnet einige wichtige Türen.
Ich würde mir wünschen, dass wir gemeinsam noch einen Schritt weitergehen und nicht nur fragen, wie wir bessere Bienen züchten können, sondern auch:
Welche unserer heutigen imkerlichen Methoden verhindern eigentlich, dass die Biene selbst wieder besser werden kann?
Herzlich
André Wermelinger
Link zum Artikel von Fabian Trüb
Bei der züchterischen Selektion bewertet der Mensch die Völker und vermehrt jene mit erwünschten Eigenschaften weiter, etwa Sanftmut, Volksstärke oder Honigertrag. Die natürliche Selektion entscheidet an eigenen Hürden: Ein Volk muss aus eigener Kraft überwintern, Vorräte anlegen, Krankheiten und Parasiten bewältigen, schwärmen und einen neuen Lebensraum besiedeln. Wer Königinnen zusetzt, Ableger bildet oder schwache Völker durch Eingriffe erhält, überspringt einen Teil dieser Hürden.
Propolis gehört zum sozialen Immunsystem des Superorganismus Bienenvolk und hilft, Krankheitserreger im Nest in Schach zu halten. Lange wurde imkerlich auf möglichst geringe Propolisierung selektiert, weil das Harz die Arbeit an den Waben erschwert. Propolis ist damit ein Beispiel dafür, dass ein für den Menschen störendes Merkmal für die Biene hochfunktional sein kann.
Einzelne Populationen überleben ohne Behandlung, etwa auf Gotland, im Arnot Forest im US-Bundesstaat New York, in England oder in West Wales. Eine flächendeckende Resistenz konnte bisher jedoch nirgends etabliert werden, und warum diese Populationen überleben, ist wissenschaftlich nicht abschliessend geklärt. Welche Rolle natürliche Brutunterbrüche, Nestvolumen, Mikroklima und Populationsstruktur dabei.