Eine neue Studie der Universität Hohenheim und von Agroscope zeigt einen deutlichen Rückgang freilebender Honigbienenvölker in Europa. Die IUCN führt die wilde Honigbiene in der EU nun auf ihrer Roten Liste. Für FreeTheBees bestätigt das die Bedeutung des Monitorings, das wir in der Schweiz seit 2012 betreiben.
Die meisten Menschen kennen die Westliche Honigbiene (Apis mellifera) als Nutztier aus der Imkerei. Doch in Europa lebt rund ein Sechstel der Honigbienen wild: in Baumhöhlen, Felsspalten und altem Gemäuer, unabhängig vom Menschen. Genau diese Wildpopulation steht jetzt erstmals auf der Roten Liste der International Union for Conservation of Nature (IUCN). In der EU wird sie als «stark gefährdet» eingestuft.
Grundlage ist eine Studie von Dr. Patrick Kohl (Universität Hohenheim) und Dr. Benjamin Rutschmann (Agroscope Zürich), erschienen in der Fachzeitschrift Conservation Science and Practice. Die Forscher werteten die Überlebensdaten wildlebender Bienenvölker aus mehreren europäischen Ländern aus und modellierten, wie sich die Bestände ohne den Zuflug von Schwärmen aus der Imkerei entwickeln würden. Das Ergebnis ist deutlich: ein Rückgang von rund 56 Prozent pro Jahrzehnt.
Die regionalen Unterschiede sind gross, und genau das macht die Auswertung so spannend: In Deutschland und der Schweiz überleben die wilden Völker deutlich schlechter als etwa in England, wo teils stabile Bestände existieren. In den meisten untersuchten Regionen wirken die wilden Völker zurzeit als demografische Senken: Sie bestehen vor Ort weiter, können ihre Bestandsgrösse ohne den Zuflug von Schwärmen aus der Imkerei aber nicht aus eigener Kraft erhalten.
Es ist dieselbe Art, die Imkerinnen und Imker halten, und trotzdem sind die Wildvölker aus mehreren Gründen wichtig. Sie tragen eine grosse genetische Vielfalt. In sich selbst überlassenen Populationen können zum Beispiel Völker entstehen, die mit der Varroa-Milbe zurechtkommen, ganz ohne chemische Behandlung. Und stabile Wildvölker sind ein Zeichen für intakte Lebensräume: Sie brauchen alte Bäume mit Höhlen, ein vielfältiges Nahrungsangebot und naturnahe Strukturen. Ihr Schutz hilft deshalb auch vielen anderen Arten.
Die Studie empfiehlt, wilde Honigbienen ausdrücklich als Teil der Biodiversität anzuerkennen und systematisch zu überwachen. Das ist die Arbeit, die FreeTheBees in der Schweiz seit 2012 leistet. Über unser Projekt «Wildtier Honigbiene – Baumhöhlen erforschen & Lebensräume schützen» (früher SwissBee Mapping) haben wir mehr als 400 freilebende Nistplätze dokumentiert. Die Schweizer Daten, die in die Studie eingeflossen sind, stammen aus diesem Monitoring. Damit entsteht eine der umfangreichsten Datengrundlagen zu freilebenden Honigbienen in Europa, und eine eigene wissenschaftliche Publikation auf Basis dieser Daten ist in Vorbereitung.
«Als wir 2012 begonnen haben, freilebende Honigbienenvölker in der Schweiz zu erfassen, hätte niemand gedacht, dass die wilde Population von Apis mellifera in der EU so schnell auf der Roten Liste der IUCN als stark gefährdet geführt würde.», sagt André Wermelinger, Geschäftsführer von FreeTheBees.
Raphaèle Piaget leitet das Projekt «Wildtier Honigbiene» und ist Vorstandsmitglied von FreeTheBees. «Es freut mich, dass die Arbeit all dieser engagierten Menschen, ob Wissenschaftler, Freiwillige oder unser Verein, Früchte trägt. Die Honigbiene hat es verdient, als Wildtier wahrgenommen zu werden und unsere Aufmerksamkeit zu erhalten. Ich danke Patrick Kohl und Benjamin Rutschmann zu dieser wichtigen Studie».
Die Studie belegt den Rückgang, benennt seine Ursachen aber nicht abschliessend. Warum die wilden Völker gerade in Deutschland und der Schweiz so schlecht überleben, ist wissenschaftlich noch nicht geklärt und Gegenstand laufender Forschung. Diskutiert werden mehrere Faktoren, etwa der Verlust von Lebensräumen und alten Höhlenbäumen, ein Mangel an Nahrung, Parasiten wie die Varroa-Milbe und Belastungen durch Pestizide sowie moderne Imkereipraktiken wie Zucht und globaler Handel, welche die genetische Anpassungsfähigkeit der wilden Völker schwächen können. Keiner davon ist bisher als alleinige Erklärung belegt.
Die Forscher empfehlen, wilde Honigbienen als Teil der Biodiversität anzuerkennen und systematisch zu überwachen. Genau dafür setzt sich FreeTheBees ein, als einzige Organisation in der Schweiz, die sich für die freilebende Honigbiene engagiert. Dieses Monitoring lebt vom Mitmachen: Rund 180 Freiwillige tragen es mit, und wir suchen laufend weitere Menschen, die mithelfen.
· Freilebende Bienenschwärme und Nistplätze melden. Link
· Beim Monitoring «Wildtier Honigbiene» als Freiwillige mitmachen. Link
· FreeTheBees mit einer Spende unterstützen. Link
· Studie in Conservation Science and Practice
· Pressemitteilung der Universität Hohenheim
· IUCN-Eintrag zur Honigbiene