«Ich beobachte, wie Natur funktioniert»
Seit über 15 Jahren beobachtet Heinz Weder freilebende Honigbienenvölker. Beim Swiss BeeMonitoring ist er seit dem Start 2021 dabei. Der pensionierte Drogist und Nutztierhomöopath erzählt, warum ihn eine Wächterbiene ins Ohrläppchen stach und weshalb er glaubt, dass wir Bienenvölker neu betrachten müssen.
Im Projekt «Wildtier Honigbiene – Baumhöhlen erforschen & Lebensräume schützen» beobachten Freiwillige im Programm Swiss BeeMonitoring in der ganzen Schweiz wildlebende Honigbienen. Dreimal im Jahr besuchen sie ihren Nistplatz, notieren Uhrzeit, Temperatur und Windstärke, beurteilen den Flugbetrieb und schicken uns Fotos und Videos vom Flugloch. Diese Beobachtungen fliessen direkt in unsere Forschung ein. Ohne unsere Freiwilligen hätten wir keine Daten über Völker, die wild in der Natur leben.
Deshalb möchten wir sie künftig regelmässig vorstellen. Den Anfang macht Heinz aus dem Kanton Thurgau. Er ist von Beginn an dabei, darauf sind wir stolz. Seine Antworten auf unsere Fragen haben uns sehr gefreut, und wir geben sie hier gerne weiter.

Heinz vor seinem Lieblingsnistplatz: einem Baum mit zwei Spechthöhlen
Mein Name ist Heinz, ich wohne im Kanton Thurgau. Ich bin pensionierter Drogist und Nutztierhomöopath. Meine Hauptbeschäftigung als Rentner ist das Beobachten von Nistplätzen von Wildbienen und wildlebenden Honigbienen. Aus der Perspektive der Bienen beschäftigt mich die Frage, warum Honigbienen so geschwächt sind, dass sie krank werden und Parasiten nicht mehr in Schach halten können.
Seit über 15 Jahren beobachte ich freilebende Honigbienenvölker. Bei Swiss BeeMapping bin ich seit dem Start des Projekts dabei. Zu FreeTheBees bin ich auf diesem Weg gekommen.
Zurzeit beobachte ich zwei Nistplätze im Thurgau mit vier bis fünf Völkern.
Die An- und Rückreise zu einem der Nistplätze dauert etwa zweieinhalb Stunden. Vor Ort schaue ich zuerst, ob sich die Umgebung seit dem letzten Besuch verändert hat und ob mir sonst etwas auffällt. Dann bereite ich meine Geräte vor: Handykamera, Fernglas, Thermometer, eventuell ein Spektiv. Ich notiere Uhrzeit, Lufttemperatur und Windstärke und beurteile die Stärke der Flugtätigkeit am Flugloch. Sehe ich Wächterbienen? Tragen die Flugbienen Pollen ein? Polleneintrag zeigt, dass das Volk Brut aufzieht, und damit, dass eine Königin aktiv ist. Alles trage ich ins elektronische Beobachtungsprotokoll ein. Dazu mache ich ein Foto und meist auch ein Video vom Flugloch und übermittle beides mit dem Protokoll.
Als ich noch mit dem Auto unterwegs war, wurde ich bei der Ankunft am Nistplatz oft von einer Wächterbiene mit einem Piks ins rechte Ohrläppchen begrüsst. Das hat mich jedes Mal erstaunt. Ich fragte mich, ob die Wächterinnen mich am Motorengeräusch erkennen.
Bei einer Nisthöhle in einer Buche habe ich beobachtet, wie zuerst ein Meisenpaar die Höhle eroberte und ein Jahr später ein Buntspechtpaar. So geht es in der freien Natur zu und her.
Dass wildlebende Honigbienenvölker offenbar auch dort überleben und sich durch Schwärmen vermehren, wo Intensivlandwirtschaft mit ihren Insektiziden und Fungiziden die Umgebung prägt.
Das Projekt hat mich dazu gebracht, mich intensiv mit der Geschichte, der Biologie und der Anatomie des Biens als «Superorganismus» zu beschäftigen. Das bedeutet: Ein Bienenvolk funktioniert wie ein einziger Organismus: Tausende Einzeltiere handeln zusammen wie ein Körper. Ebenso beschäftige ich mich mit den Auswirkungen der intensiven Bewirtschaftung der Bienenvölker durch die Imkerei.
Der Nistplatz in der Buche. Der Baum hat zwei Spechthöhlen, die immer wieder von wechselnden Tieren besiedelt werden. Das macht ihn für mich besonders spannend.
Wenn sie mich fragen, erkläre ich ihnen meine Beziehung zu den Honigbienenvölkern und meine Fragen aus der Perspektive des Biens als «Superorganismus». Ich halte auch Vorträge darüber.
Mach mit! Es lohnt sich. Bei den Beobachtungen siehst du direkt, wie Natur funktioniert. Du bekommst eine spannende, sinnvolle Freizeitbeschäftigung und hilfst mit, dass Bienenvölker aus einer neuen Perspektive wahrgenommen werden. Das ist wichtig, damit wildlebende Honigbienenvölker eine Zukunft haben.
Welche Aufgabe hat ein Bienenvolk im Ökosystem: Boden, Wasser, Luft, Mikrobiom des Bodens, Pflanze, Biene, Nahrung für Mensch und Tier?
Lieber Heinz, herzlichen Dank für deine Zeit, deine Beobachtungen und deine Treue zum Projekt. Heinz’ Frage geben wir an euch weiter: Welche Aufgabe hat ein Bienenvolk im Ökosystem? Schreibt uns eure Gedanken an marie.hallmann@freethebees.ch. Eine Auswahl der Antworten veröffentlichen wir im nächsten Porträt.
Möchtest du auch wildlebende Honigbienen beobachten? Hier kannst du dich anmelden.