Trachtlücke im SwissTree: Der Moment der Wahrheit – FreeTheBees

Trachtlücke im SwissTree: Der Moment der Wahrheit

Bulletin-Artikel von André Wermelinger

Ein Bienenvolk hungert. Die Tracht ist vorbei, die Vorräte werden knapp. Für viele Menschen scheint die Sache klar: Man hilft und füttert.
Doch genau hier entscheidet sich, ob man Bienenhalter oder Artenschützer ist.
Denn was in der Imkerei als verantwortungsvolle Betreuung gilt, widerspricht dem Grundprinzip des Artenschutzes. Ein freilebendes Bienenvolk wird nicht gefüttert. Nicht weil man ihm schaden möchte, sondern weil echter Artenschutz voraussetzt, dass die Natur selbst entscheidet, welche Völker unter den gegebenen Umweltbedingungen überleben und welche nicht.
Wer einen SwissTree aufstellt, stellt deshalb nicht in erster Linie eine Bienenbeute auf. Er schafft ein Habitat. Und darauf basierend kommt der Entscheid: Artenschutz oder Bienenhaltung?

Artenschutz oder Bienenhaltung: Was ist der Unterschied?

Die Diskussion um die Honigbiene leidet häufig darunter, dass zwei grundverschiedene Ziele miteinander vermischt werden.
Die Bienenhaltung verfolgt das Ziel, Bienenvölker zu erhalten, ihre Gesundheit zu fördern und Verluste möglichst zu vermeiden. Fütterung, Krankheitsbehandlungen oder andere Eingriffe sind dabei legitime Werkzeuge. Wer Verantwortung für ein gehaltenes Bienenvolk übernimmt, wird alles daransetzen, vermeidbare Verluste zu verhindern.
Der Artenschutz verfolgt ein anderes Ziel. Er will Populationen erhalten, die sich eigenständig an ihre Umwelt anpassen können. Dafür müssen Tiere und Pflanzen den natürlichen Umweltbedingungen ausgesetzt bleiben, auch dann, wenn diese Bedingungen zeitweise hart sind.
Beides hat seine Berechtigung.
Problematisch wird es erst, wenn Bienenhaltung als Artenschutz bezeichnet wird oder Artenschutz mit Methoden der Nutztierhaltung betrieben werden soll.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
«Soll ich dieses Volk füttern?»
Sondern:
«Betreibe ich Bienenhaltung oder Artenschutz?»

Warum Imker füttern – und warum das sinnvoll sein kann

In der Bienenhaltung gehört die Fütterung seit Jahrzehnten zur etablierten Praxis.
Trachtlücken, schlechte Wetterperioden, schwache Standorte oder späte Schwärme können dazu führen, dass ein Volk seine Reserven schneller verbraucht als erwartet. Durch eine gezielte Fütterung lässt sich dieses Risiko deutlich reduzieren.
Aus Sicht der Bienenhaltung ist das logisch. Wer ein Volk hält, übernimmt Verantwortung für dessen Wohlergehen und versucht Hungerverluste zu vermeiden.
Gerade bei Trachtlücken ist die Fütterung einer der wirksamsten Hebel überhaupt. Während sich andere Ursachen von Bienenverlusten nur begrenzt beeinflussen lassen, kann ein Mangel an Nahrung oft unmittelbar ausgeglichen werden.

Warum Füttern im Artenschutz keinen Platz hat

Die wildlebende Honigbiene existierte über Millionen von Jahren ohne Zuckerwasser, Invertsirup oder menschliche Unterstützung.
Ihre Überlebensfähigkeit entstand durch natürliche Selektion. Jedes Volk musste mit den vorhandenen Bedingungen zurechtkommen: mit kalten Wintern, nassen Sommern, Parasiten, Krankheiten, Nahrungsknappheit und Konkurrenz.
Genau dieser Prozess erzeugte jene Anpassungsfähigkeit, die die Honigbiene zu einer der erfolgreichsten Tierarten Europas machte.
Wer heute freilebende Bienenvölker schützen möchte, muss diesen Prozess wieder zulassen.
Ein Volk, das eine Trachtlücke aus eigener Kraft übersteht, zeigt, dass sein Standort, seine Genetik und seine Verhaltensweisen unter den aktuellen Umweltbedingungen funktionieren. Ein Volk, das dauerhaft auf menschliche Unterstützung angewiesen ist, liefert diese Information nicht.
Natürliche Selektion ist nicht angenehm. Sie produziert Gewinner und Verlierer.
Doch sie ist die einzige Kraft, die langfristig Populationen hervorbringt, die sich an veränderte Umweltbedingungen anpassen können.
Artenschutz bedeutet deshalb nicht, jedes einzelne Volk um jeden Preis am Leben zu erhalten.
Artenschutz bedeutet, die Anpassungsfähigkeit der Population zu erhalten.

Warum der SwissTree dabei eine besondere Rolle spielt

Ein SwissTree soll der Honigbiene ihr ursprüngliches Habitat zurückgeben.
Über Jahrtausende lebten Honigbienenvölker vor allem in Baumhöhlen. Diese boten ein stabiles Mikroklima, guten Witterungsschutz und eine deutlich bessere Isolation als viele moderne Bienenkästen.
Alte, hohle Bäume sind heute selten geworden. Genau hier setzt FreeTheBees mit dem SwissTree und weiteren Höhlenimitaten an.
Er verbessert die Überlebenschancen eines Volkes nicht durch Betreuung, sondern durch ein besseres Habitat. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Artenschutz bedeutet nicht, die Natur sich selbst zu überlassen und untätig zuzusehen. Artenschutz bedeutet vielmehr, die Rahmenbedingungen zu verbessern und danach die Natur wirken zu lassen.
Mehr Blütenvielfalt, weniger Pestizide, alte Bäume, Baumhöhlen und geeignete Lebensräume sind klassische Artenschutzmassnahmen. Fütterung hingegen ist eine Betreuungsmassnahme.

Was ist der schwierigste Teil des Artenschutzes?

Für viele Menschen ist es emotional schwer auszuhalten, ein Tier nicht zu unterstützen, wenn Hilfe möglich wäre.
Doch die Natur kennt keine Garantie auf Überleben.
Nicht jeder Jungvogel erreicht den Herbst. Nicht jeder Hirsch übersteht den Winter. Nicht jedes Bienenvolk überlebt eine Trachtlücke oder gar den nächsten Winter.
Artenschutz bedeutet nicht, diese Realität abzuschaffen.
Artenschutz bedeutet, Lebensräume zu schaffen, in denen sich langfristig robuste und überlebensfähige Populationen entwickeln können.
Wer einen SwissTree aufstellt, leistet genau dazu einen Beitrag.

Beobachten statt eingreifen: Warum das entscheidend ist

Ein selbst eingezogener Naturschwarm im SwissTree ist weit mehr als ein Bienenvolk. Er ist Teil eines grossen ökologischen Experiments: Kann die Honigbiene wieder lernen, selbstständig in unserer Landschaft zu leben?
Diese Frage lässt sich nicht durch Fütterung beantworten. Sie lässt sich nur durch Beobachtung beantworten.
Deshalb ist die wertvollste Handlung eines SwissTree-Besitzers oft nicht das Eingreifen, sondern das Dokumentieren und Melden seiner Beobachtungen.
Denn die Zukunft der wildlebenden Honigbiene entscheidet sich nicht daran, wie gut wir sie versorgen. Sondern daran, ob wir ihr wieder zutrauen, ohne uns zu überleben.

👉 Mehr über das Füttern in der naturnahen Bienenhaltung und in Baumhöhlen, SwissTrees, Zeidlerhöhlen, etc. im aufgezeichneten Bienen ohne Grenzen Vortrag von André Wermelinger.

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